Warum wir anfangen müssen, anders über Fasern zu denken
In vielen Produktionshallen und Verarbeitungsbetrieben fällt täglich etwas an, das kaum Beachtung findet: Trester aus der Saftproduktion, Rüeblirückstände aus der Verarbeitung, Kleie aus der Getreidemühle oder Presskuchen aus pflanzlichen Proteinen. Diese Nebenströme sind faserreich und ernährungsphysiologisch wertvoll – stehen jedoch selten im Zentrum strategischer Überlegungen.
Die Empfehlungen sind klar
Gleichzeitig weisen Ernährungsempfehlungen seit Jahren in dieselbe Richtung: Wir essen zu wenig Ballaststoffe, zu wenig Vollkorn, zu wenig pflanzliche Struktur. Der Bund hat 2024 die Ernährungspyramide[1] für die Schweiz angepasst und empfiehlt mehr Vollkornprodukte und pflanzliche Proteine. Auch die Planetary Health Diet der EAT-Lancet-Kommission[2] betont eine stärker pflanzenbasierte Ernährung – aus gesundheitlichen und ökologischen Gründen.
Selbst soziale Medien greifen das Thema auf. Unter dem Schlagwort «Fibre Maxing» wird eine ballaststoffreiche Ernährung verstärkt thematisiert. Jenseits der Trenddynamik wird deutlich: Die Nachfrage nach faserreichen Produkten steigt.
Das Paradox der Verarbeitung
Behörden und Wissenschaft propagieren eine pflanzenbasierte, faserreiche Ernährung. Auch soziale Medien greifen das Thema auf und verstärken die Nachfrage nach ballaststoffreichen Produkten. Politik, Forschung und Konsumenten senden damit dieselbe Botschaft.
Und dennoch zeigt sich entlang der Wertschöpfungskette ein gegenteiliger Effekt: Während wir mehr Fasern fordern, entfernen wir in der Verarbeitung genau jene Bestandteile, die diese Ziele unterstützen. Wir sprechen über Darmgesundheit, Blutzuckerregulation und nachhaltige Ernährungssysteme – und lösen gleichzeitig faserreiche Strukturen systematisch aus dem Produkt.
Die Frage ist nicht, ob wir mehr Fasern brauchen. Die Frage ist, weshalb wir sie nicht konsequent im Kreislauf halten.
Vom Nebenstrom zum Rohstoff
Wer Trester oder Kleie analytisch betrachtet, erkennt funktionale Eigenschaften: Struktur, Wasserbindung, technologische Stabilität. Rüeblifasern können Backwaren saftiger machen. Trester kann Textur und Nährwert erhöhen. Kleie kann bewusst als Qualitätsmerkmal positioniert werden.
Nebenströme sind damit keine Reststoffe, sondern potenzielle Rohstoffe. Sie bieten eine realistische, skalierbare Antwort auf steigende Anforderungen an Nährwert und Ressourceneffizienz.
Die strategische Dimension
Nachhaltigkeitsverantwortliche stehen vor einer komplexen Aufgabe: Produkte gesünder gestalten, Rohstoffe effizienter nutzen und wirtschaftlich bleiben. Die Integration faserreicher Nebenströme verbindet diese Ebenen.
• Produkte mit verbessertem Nährwertprofil durch höheren Ballaststoffanteil
• Weniger Verluste entlang der Wertschöpfungskette
• Stärkere Argumente in ESG- und Nachhaltigkeitsberichten
• Konkrete Beiträge zu Ernährungssystemen innerhalb planetarer Grenzen
Das Potenzial ist gross. Was häufig fehlt, ist die strategische Integration in Innovations- und Nachhaltigkeitsprozesse – und der Wille, Kernprodukte gezielt weiterzuentwickeln. Dabei muss nicht alles neu erfunden werden. Oft liegt der einfachste Hebel darin, mehr im Produkt zu belassen – wie beim Vollkornmehl. Nicht jeder Trester braucht ein neues Produktformat. Häufig sind es gezielte, pragmatische Anpassungen, die die grösste Wirkung entfalten.
Wer Fasern strategisch denkt, verbindet Ernährungsqualität mit Ressourceneffizienz – und macht aus Nebenströmen einen Wettbewerbsvorteil.
Sie möchten mehr über das Thema erfahren? Kommen Sie am 24. Juni nach Bern zum Focus Food Save oder kontaktieren Sie unsere Expertin Sonja Maurer.
[1] https://www.blv.admin.ch/blv/de/home/lebensmittel-und-ernaehrung/ernaehrung/empfehlungen-informationen/schweizer-ernaehrungsempfehlungen.html
[2] https://eatforum.org/eat-lancet/the-planetary-health-diet/
Ihre Ansprechpartnerin: Sonja Maurer

Sonja Maurer ist Ihre Ansprechpartnerin, wenn es darum geht, Prozesse in der Lebensmittelbranche nachhaltiger zu gestalten. Als Consultant bei Foodways unterstützt sie Unternehmen dabei, ökologisch wirksame und wirtschaftlich tragfähige Lösungen zu entwickeln – mit systemischem Blick und praxisnaher Umsetzungsstärke.
Was sie auszeichnet: Sie kennt die Branche aus erster Hand: Als frühere Produktmanagerin bei HelloFresh Schweiz verantwortete sie Sortimente, Prozesse und Produktentwicklungen. Mit ihrem Hintergrund als Lebensmittelingenieurin bringt sie ein tiefes Verständnis für Produktionsabläufe und Qualitätsanforderungen mit – die ideale Basis für nachhaltige Transformation im Betrieb.
Sie möchten den Wandel aktiv gestalten? Sonja Mauer unterstützt Sie gerne mit Ihrem Fachwissen.
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